Lassen Sie sich berühren – und zwar richtig, nicht nur metaphorisch! Ein Bekenntnis …

Kinesiologie Coaching Berührung Kontakt
Meine linke Hand. Mit ihr und mit meiner rechten Hand werde ich Sie berühren, wenn Sie zu mir kommen, um ein Problem zu lösen.

Ich verbinde in meiner Arbeit „normales“ Coaching – also reden – mit kinesiologischen Praktiken, zu denen das Berühren des Klienten gehört. Ein zentrales kinesiologisches Verfahren heißt denn auch “Touch for Health“ – Gesund durch Berühren. Und dieses Berühren ist nicht metaphorisch gemeint, es geht vielmehr ganz konkret darum, daß ein Menschenkörper einen anderen Menschenkörper berührt. Die übertragene Bedeutung von „berühren“ erwuchs ja gerade aus dem Wissen, wie wichtig und wie wirksam echte körperliche Berührung für Menschen ist.

Jede Mutter und jeder Vater weiß um die Kraft der Berührung. Wird ein Kind von Not, Schmerz und Verzweiflung gequält, nehmen wir es in den Arm, halten es, lassen den Kontakt von warmer Haut auf warmer Haut sein tröstendes Wunderwerk vollbringen. Einem Sterbenden auch nur die Hand zu halten, erleichtert ihm seinen letzten Weg.

Was wir Kindern, Kranken und Sterbenden zubilligen, verwehren wir uns, denn wir Erwachsene, befaßt mit dem Ernst des Lebens, verstrickt im Lebenskampf, haben sowas nicht mehr oder noch nicht nötig. Wir stillen statt dessen unsere Sehnsucht nach Berührung, unseren Hauthunger,indirekt: mit Pferd und Hund, Katze und Meerschweinchen. Im Umgang mit ihnen ist erlaubt, was sonst als anstößig gilt.

Wir wissen seit den Kinder-Experimenten des Stauferkaisers Friedrich II. (1194-1250), daß Berührung ein Lebensmittel ist, ohne das wir ebenso zugrunde gehen wie ohne Nahrung oder Flüssigkeit. Und vor dreißig Jahren schockierten uns die Bilder der verwahrlosten und berührungslos gehaltenen Kinder aus rumänischen Waisenhäusern, in denen Friedrichs Experiment in großem Maßstab nochmals grausam Wirklichkeit wurde. Konfrontiert mit solchen Bildern sind wir entsetzt und lernen dann Begriffe wie „sensorische Deprivation“, doch wir verweigern uns der Erkenntnis, daß dieses Extrem symptomatisch ist. Für uns. Für unsere Kultur. Für unsere Lebensweise.

Unser Leben ist durchdrungen von der Berührungsvermeidung. Gerade im konventionellen Sinne erfolgreiche Menschen, also Menschen, die unter Macht nur den Zugang zu äußeren Ressourcen wie Einkommen, Status und Eigentum verstehen, sind „extremly undertouched“, um es im modernen Psycho-Anglo-Slang auszudrücken. Sie betrachten ihren Körper nur als Ständer für ihren Kopf.

Um 1900 galt es in gehobenen Kreisen als schick, kränklich zu sein und Sexualprobleme zu haben, denn das war Ausweis der Besonderheit. Nur die Primitiven, die ungebildeten Proleten und Bauern waren gesund und hatten einfach so lustvollen nicht-neurotischen Sex. Aber doch kein Professor oder Industrieller oder Bankier. Diese verklärten ihren Zustand zu dem eines „Kulturmenschen“ – und waren doch nur lebende Tote. D.H. Lawrence hat diese Verherrlichung des neurotisch-körperlosen Unglücklichseins in seinem Roman „Lady Chatterley“ erschütternd dargestellt.

Heute sind die Top Performer stolz darauf, sich in den Burnout zu arbeiten und keine Zeit zu haben. Kürzlich traf ich – nach Jahrzehnten – einen Freund aus Studienzeiten wieder. Ihm war es ganz wichtig zu betonen, daß er und seine Frau jeder mindestens 50 Stunden in der Woche arbeiten …

Einer der Gründe dafür, daß Gesundheit und Wohlbefinden vieler Leistungsträger angegriffen sind, ist, daß sie sich nicht angreifen – sprich berühren – lassen. In ihrem Buch „Embodiment“ berichten die Autoren (Maja Storch, Gerald Hüther u.a.), daß Führungskräfte schon allein die Wahrnehmung ihres Körpers als peinlich empfinden und für esoterischen Firlefanz halten. Die Autoren erklären: „Jede Fachperson, die Menschen berät, therapiert oder erforscht, ohne den Körper mit einzubeziehen, sollte eine Erklärung für diese Manko abgeben müssen.“ Welcher Coach tut das?

Ist uns ein Mensch zuwider, dann ist es eine Qual, von ihm berührt zu werden. Unser entsetzter Ausruf „Faß mich nicht an!“, wenn er es dennoch tut, ist der gespiegelte Ausdruck unseres tiefen Bedürfnisses, wohlwollend und nährend berührt zu werden.

Von der großen Psychotherapeutin Virginia Satir (1916-1988) stammt folgende wunderbare Erkenntnis: „Das größte Geschenk, das ich geben kann, ist, den anderen zu sehen, zu hören, zu verstehen und zu berühren“. Was es mit dem Berühren auf sich hat, führte sie weiter aus: „Wir brauchen 4 Umarmungen am Tag zum Überleben. Wir brauchen 8 Umarmungen am Tag zum Leben. Wir brauchen 12 Umarmungen am Tag zum Wachstum.“ So einfach ist es! So einfach könnte es sein!

Doch was berühren wir heutzutage am häufigsten, am lustvollsten? Die kalte, harte, tote und haptisch auch bei noch so verschiedenen Inhalten stets gleiche Oberfläche unserer Smartphones. Berührung ist zur „Interaktion“ mit einem Touch Screen verkrüppelt, dieser Hervorbringung eines tief gestörten Geistes, dem alles gleich sich anfühlt. Ob „Like“ oder „Share“, ob „Fuck“ oder „Kill“ auf der Schaltfläche steht, macht keinen Unterschied. Die Empfindung beim Kontakt ist immer dieselbe. Wie anders bei Haut! Wie vielsagend, wie multidimensional, wie mitteilsam, wie wahr – ja: WAHR! – ist da der Kontakt.

Die Gefahr des „Bodyism“, also des Stehenbleibens auf der Körperebene statt von dieser aufbauend weiter zu schreiten zu Verstand, Seele und Geist, sehe ich nicht – dafür ist viel zu viel Erstarrung und Verhärtung und Selbstmißbrauch in unserem Körper-Verhältnis, das wir erst überwinden müssen.

Das zeigt sich gleichermaßen beim Gehirn auf Stelzen, das sich von Müll-Essen ernährt und mit einer ungelüfteten Gesichtsfarbe auf Bildschirme aller Art starrt, wie beim extrem sportlichen, gebräunten und vermeintlich Gesunden, der nach einem Konflikt mit seiner Partnerin sofort zu einem Berglauf aufbricht, bei dem er sich „auspowert“, statt seine Partnerin in den Arm zu nehmen und im Kontakt mit ihr – in der Berührung! – einen gemeinsamen Weg zu finden.

Beide Positionen sind aus der Balance. Beide sind in einer berührungsscheuen Vermeidungshaltung sich selbst und dem anderen gegenüber gefangen. Die Flucht in den abgerichteten Sport-Körper ist ebenso körperfeindlich wie die Flucht vor dem Körper, denn dieser wird in beiden Fällen objektiviert und instrumentalisiert. Schlaffe Vernachlässigung und erbarmungslos selbst-unterwerfende Kontrolle sind zwei Seiten derselben Medaille.

Berührung ist ein Weg aus beiden Gefängnissen. Berührung ist Versöhnung mit uns selbst und mit Menschen, die uns wichtig sind. Berührung ist Balsam für die Not unserer Seelen. Deshalb berühre ich Klienten.

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Diesen Beitrag, so wie er oben steht, habe ich einem führenden Coaching-Magazin zur Veröffentlichung angeboten. Der Chefredakteur hat seine Ablehnung wie folgt begründet: „Ich erachte das Thema Berührung im Business-Kontext, der unseren Fokus darstellt, tendenziell als weniger anschlussfähig“. Welch schöne – wenn auch unfreiwillige – Bestätigung meiner These, daß viele Menschen im „Business-Kontext“ Probleme damit haben, sich als ganze Menschen wahrzunehmen und nicht nur als Kognitionsmaschinen.

Ein paar einfache Fragen könnten ihnen neue Horizonte eröffnen: Wo ist der Körper eines Geschäftsführers, wenn er eine Entscheidung trifft? Wer leitet eine Abteilung – ein Gehirn in Nährlösung? Wer handelt als Chefredakteur einer Zeitschrift – der Silizium-basierte Algorithmus einer Smartphone-App oder ein Eiweiß-basiertes Wesen mit Herz und Leber, die – ob er will oder nicht – auf sein Handeln einwirken?

Der amerikanische Psychotherapeut Irvin D. Yalom widmet in seinem Buch „Der Panama-Hut oder Was einen guten Therapeuten ausmacht“, in dem er seine jahrzehntelange Erfahrung zusammenfaßt, der Berührung ein eigenes Kapitel – es trägt den Titel: „Scheuen Sie sich nicht, den Patienten zu berühren“. Darin erzählt er von einem berührenden Erlebnis mit einer Patienten, das ich ans Ende meiner Betrachtungen stelle, weil es mein Anliegen in einem ergreifenden Berührungs-Bild kondensiert.

Eine Frau mittleren Alters hat infolge der Bestrahlungen wegen eines Gehirntumors nur noch wenige Haare und trägt deshalb eine Perücke. Sie hat die Befürchtung, der Therapeut könne sie abstoßend finden, wenn er sie ohne Perücke sähe. Eines Tages faßt sie den Mut und nimmt in der Sitzung ihre Perücke ab. Yalom, der Therapeut, berichtet, was dann geschah: „Ich erlebte einen Moment, nur einen Moment, des Schocks darüber, wie gealtert sie plötzlich wirkte, doch ich stellte rasch die Verbindung zu der großartigen Person her, die ich kannte. Und ich hatte Lust, ihr mit den Fingern über die Haare zu streichen. Als sie mich nach meinen Gefühlen fragte, teilte ich ihr diese Fantasie mit. Tränen stiegen ihr in die Augen. Ich beschloss, die Sache voranzutreiben. ‚Wollen wir es probieren?‘, fragte ich. ‚Das wäre wunderbar‘, erwiderte sie, und so setzte ich mich neben sie und streichelte ihr über Haar und Kopf. Obgleich das Ganze nur wenige Augenblicke dauerte, blieb es uns beiden unauslöschlich im Gedächtnis. Sie überlebte den Krebs und bemerkte Jahre später, als sie wegen eines anderen Problems zu mir kam, die Tatsache, daß ich ihren Kopf berührt hätte, sei eine Offenbarung für sie gewesen, eine ungeheure Bestätigung, die ihr negatives Selbstbild radikal verändert habe.“

Warum ist solch berührende Menschlichkeit „nicht anschlussfähig im Business-Kontext“?